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Die Einhaltung des bestehenden Hygienekonzepts ist Voraussetzung zum Besuch von Gottesdienst und Gemeindezentrum.

Predigt zum Israelsonntag - Ein reizendes Geheimnis

Lukas von Nordheim
Mareike von Nordheim

Predigt über Römer 11,25-32 durch Pfarrer Lukas von Nordheim am Israelsonntag, dem 10. Sonntag nach Trinitatis, in der Ev. Bergkirche in Auerbach „Ein reizvolles Geheimnis“

Audioaufnahme der Predigt

Der Friede des einen und einzigen Gottes, die menschgewordene Liebe Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Liebe Gemeinde,

allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Wenn man sich – wie wir – gerade kennen lernt, dann liegt bisweilen der geheimnisvolle Reiz des Unbekannten in der Luft. Mit jedem Geheimnis, das man einander entlockt, wächst die Verbundenheit. Geheimnisse reizen ja gerade dadurch, dass nur die Eingeweihten wissen, was sich hinter ihnen verbirgt. Als unser vier Jahre alter Sohn neulich nicht schlafen gehen wollte, da heckte ich mit ihm ein Geheimnis aus und schwupps sagte er Mama schelmisch gute Nacht und kletterte in Windeseile in sein Hochbett. Was es war, kann ich Ihnen freilich nicht verraten.

Aber Paulus, der vertraut uns heute ein Geheimnis Gottes an. Ein Geheimnis das leider über Jahrhunderte der Kirchengeschichte im Dunkel verborgen lag, doch seit es wieder entdeckt wurde, wird es reichlich geteilt und schafft Versöhnung und Verbundenheit zwischen Christen und Juden.

Ich lese aus dem Römerbrief im elften Kapitel.

Die Überschrift lautet: Ganz Israel wird gerettet werden.

Ich will euch, Brüder und Schwestern, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die volle Zahl der Heiden hinzugekommen ist. Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser; der wird abwenden alle Gottlosigkeit von Jakob. Dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.« Nach dem Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber nach der Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.

Denn wie ihr einst Gott ungehorsam gewesen seid,

nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams,

so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden

wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist,

damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.

Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam,

damit er sich aller erbarme.[Luther2017](Röm 11, 25-32)

2009. Ich saß im Seminarraum der Theologischen Fakultät in Göttingen und lauschte – während sich eine Erkenntnis an die nächste reihte – gebannt den Ausführungen unseres Dozenten: „Paulus verarbeitet hier im Römerbrief die enttäuschende Erfahrung der ersten christlichen Gemeinden, dass selbst nach Ostern nicht alle Juden glaubten, dass Jesus von Nazareth der Messias, der Sohn und Heilsbringer Gottes ist. Da Gott aber allwissend und allmächtig ist, lautet Paulus Erklärung dafür wie folgt: Tatsächlich hat Gott dafür gesorgt, dass sich ein Teil von Israel vor Jesus Christus verschließt. – Früher sagte man verstockt, wörtlich heißt es verhärtet. – Dieser Zustand soll aber nur so lange dauern, bis die Fülle der Heiden sich ihm, Jesus Christus, zugewandt hat durch Glaube und Taufe. Schließlich wird so ganz Israel [durch Gott] gerettet werden. – Und nebenbei auch alle anderen Menschen und Völker auf Erden. So erklärt Paulus den Heilsplan Gottes für Israel und die Welt. Darum zog Paulus auch von Israel aus in die heutige Türkei und Europa und gründete dort christliche Gemeinden aus Juden-Christen und Heiden-Christen. Paulus war überzeugt, erst wenn die Fülle der heidnischen, also nichtjüdischen Nationen zum Glauben an Jesus Christus gekommen und getauft ist, erst dann wird Jesus zurückkehren und der Jüngste Tag anbrechen und mit ihm das Reich Gottes im Himmel und auf Erden verwirklicht werden.“ Ich meldete mich: „Das bedeutet dann doch, dass die Kirche sich also ganz auf die Verkündigung für Nichtjuden konzentrieren soll. Aber wenn hier so deutlich steht, dass Gott selbst die Juden retten wird, warum gab es dann so lang den kirchlichen Druck zur Judenmission?“ „Das hat damit zu tun, dass Paulus, Israel und die Juden leider als Feinde des Evangeliums bezeichnet.“

„Aber“, warf eine Kommilitonin ein, „Paulus nennt Israel doch im selben Satz auch Geliebte um der Väter und Mütter willen. Was ist denn nun wichtiger?“

„Paulus klärt die Frage ganz eindeutig in den ersten beiden Versen des 11. Kapitels im Römerbrief: »Hat Gott etwa sein Volk verstoßen? Auf keinen Fall! Denn auch ich bin ein Israelit aus der Nachkommenschaft Abrahams, vom Stamm Benjamin. Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er vorher erwählt hat.« Doch leider hatte sich in der Wirkungsgeschichte durchgesetzt die Kirche als das neue, wahre Israel zu verstehen und die Juden als von Gott verworfene Feinde des Evangeliums. Erst ab den 1960er Jahren wurde der Israelsonntag vom Tag der Judenmission zum Tag der Versöhnung und Verständigung zwischen Christen und Juden.“

„War es erst der Holocaust, der ein Umdenken brachte,“ fragte ich und unser Donzent antwortete: „Leider dauerte es noch länger. Nach dem Krieg gab es zwar Schuldbekenntnisse, aber den religiösen Antijudaismus als Schuld der Kirche und Vorläufer des rassistischen Antisemitismus gestand zuerst 1980 die Rheinische Landesynode ein. Dem folgten alle evangelischen Kirchen. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat diese Einsicht 1991 schließlich sogar in ihren Grundartikel geschrieben, auf den alle Pfarrerinnen und Pfarrer ordiniert werden. Ich zitiere: »Aus Blindheit und Schuld zur Umkehr gerufen bezeugt sie (die EKHN) neu die bleibende Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen. Das Bekenntnis zu Jesus Christus schließt dieses Zeugnis ein.«“

Aufgeregt ruft die Kommilitonin: „Dann ist es klar: Religiöser Antijudaismus und rassistischer Antisemitismus sind unvereinbar mit dem christlichen Glauben! Jesus war ja selbst ein semitischer Jude!“

„So ist es,“ stimmt unser Dozent zu. „Für heute ist das Seminar vorbei. Doch wenn sie weiter daran arbeiten wollen, empfehle ich Ihnen Römer 9-11 nochmal aufmerksam zu lesen, sich in den jüdischchristlichen Dialog zu vertiefen und eine Studienreise oder ein Auslandsstudium in Israel.“

Lied: EG+135 So ist Versöhung – Strophe 1

2010 in West-Jerusalem: auf der Dachterrasse des Benediktiner Gästehauses der Dormitio Abtei stehen 21 evangelische und katholische Theologiestudierende, darunter auch meine heutige Frau und ich. Wir blicken auf die Altstadt und beten den Psalm 122: „Nun stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem. Jerusalem ist gebaut als eine Stadt in der man zusammen kommen soll. Wünscht Jerusalem Frieden. Um unserer Geschwister und Freunde willen, wollen wir dir Frieden wünschen.“ Durch die Straßen eilen orthodoxe Juden mit schwarzen Pelzmänteln und -hüten Richtung Klagemauer. In wallenden Burkas mit bunten Kopftüchern zieht eine Gruppe muslimischer Frauen zum Felsendom hinauf, während die Glocke eines armenischen Klosters die Mönche zur Komplet ruft. Sie alle haben ein Ziel. Sie wollen beten, zu Gott, so wie sie es gelernt haben. Sie nennen ihn Adonai, Allah, und Abba, Vater unser. Ich bin beeindruckt von der Vielzahl der Synagogen, Kirchen und Moscheen. Mich reizt es mehr von dem sicht- und spürbaren Glaubensleben zu erfahren und fühle mich zugleich nach meiner Frömmigkeit befragt.

2019 mit einer Gemeindereisegruppe am See Genezareth: Vor uns steht Jaron. Ein mittdreißiger, bärtiger Rabbiner in schwarzem Anzug mit blau-weißer Kippa auf dem Kopf, der uns fröhlich und heiter quer durch die hebräische Bibel führt. Als eine Mitreisende wissen will, wie er selbst denn das Zusammenleben der Religionen erlebe, erzählt er schmunzelnd eine rabbinische Anekdote: „Da sind zwei Männer Samuel und Ruben. Beide sind angesehene Persönlichkeiten der Gemeinde. Aber sie haben Streit. Also geht der Rabbi zu Ruben und sagt: 'Komm, lass uns zu Samuel gehen und Frieden schließen.' Aber Ruben erwidert wütend: 'Nein, dass kann nicht nicht, nach allem was vorgefallen ist! Er soll sich zuerst bei mir entschuldigen!' Da erwidert der Rabbi: 'Ich habe mit Samuel gesprochen. Er hat große Hochachtung vor dir. Er ist beeindruckt von deinen vielen Fähigkeiten, deiner ehrlichen Gottsuche und deinem guten Geschick. Deswegen ist er neidisch auf dich, aber dafür schämt er sich. Er kann das nicht zugeben.' Ruben stutzt: 'Ach so ist das.' Dann lächelt er großzügig und geht federnden Schrittes davon. Schnell läuft der Rabbi zu Samuel, bittet ihn mit Ruben Frieden zu schließen doch Samuel will nicht. Da lächelt der Rabbi und sagt: 'Ich habe mit Ruben gesprochen. Er hat großen Respekt vor deinen Leistungen und deiner Frömmigkeit. Er schämt sich aber, weil er neidisch ist auf dich.“ Samuel stutzt und schlendert schmunzelnd davon. Und so wuchs zwischen zwei gereizten Männern eine im besten Sinne reizende Beziehung.“

Ich verstehe die Worte des Rabbis so: „Juden, Christen, Muslime, Bahai, Drusen und alle, die im Heiligen Land leben, sollen sich gegenseitig anreizen in ihrer Gottsuche. Sie sollen sich mit Blick auf die Frömmigkeit des anderen in einer Art heiliger Eifersucht bemühen noch aufrichtiger zu leben, um gutes Leben und Gerechtigkeit für alle zu fördern und so Gott noch näher zu kommen. Diesen Gedanken hegt schon der gebürtige Jude Paulus, als er über die reizende Beziehung von Juden und Christen im Römerbrief schreibt: Als Apostel der nichtjüdischen Völker […] gelingt es mir vielleicht gerade dadurch, mein eigenes Volk zur Eifersucht zu reizen […]. (Röm 11,13-14*)

Ein beeindruckendes, vorbildhaftes Beispiel für dieses reizende Streben im Angesicht des Nahostkonfiktes traf unsere Reisegruppe an, als wir in den palästinensischen Gebieten bei Betlehem über eine israelische Straßensperre aus Felsbrocken und Geröll kletterten, um zum Tent of Nations zu gelangen, dem Zelt der Nationen von Familie Nassar. An einer langen Tafel zwischen Oliven und Orangenbäumen sitzend und orientalische Gastfreundschaft genießend schweifte unser Blick über die umliegenden Hügel und ihre Häuser. „Auf jedem dieser Hügel steht eine Siedlung,“ sagte Dhaoud, unser Gasgeber. „Und dort verläuft die Mauer – noch. Seht ihr das arabische Dorf dort unten? Wenn dieser Hügel auch zu Siedlungsgebiet wird, wäre das Dorf eingeschlossen. Aber wir weigern uns Opfer zu sein. Gegen Räumungsbefehle wehren wir uns mit Anwälten, schließlich bebaut unsere Familie seit Generationen hier das Land. Und auch wenn manche Siedler kommen, Felder anzünden oder Bäume fällen: Wir weigern uns Feinde zu sein. Jesus sagte: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen. (Mt 5,44) Wir wollen, dass viele hierher kommen, zu uns an den Tisch, auch aus den Siedlungen. Wir wollen, dass sie unsere Geschichte hören und uns ihre Geschichte erzählen. So wollen wir helfen, dass wir uns besser verstehen, um gemeinsam einer guten Zukunft entgegenzugehen .“

Lied: EG+135 So ist Versöhnung – Strophe 2

Kommen wir zurück nach Deutschland, nach Auerbach und Hochstädten. Hierzulande sind mache verunsichert, durch die Sicht- und spürbare Frömmigkeit Hinzugekommener aus den Völkern. Vielleicht kennen die Verunsicherten Paulus' Geheimnis noch nicht? Dann sollten wir sie einweihen. Vielleicht haben sie den Kontakt zum Fundament ihres Glaubens verloren? Dann sollten wir sie in Kirchen und Gemeindehäuser einladen.

Nationalistisch Verirrte verüben Gewalttaten gegen Synagogen und unsere jüdischen Geschwister. Muslime erfahren Anfeindung. Doch wir weigern uns in Gottes Namen Feinde zu sein. Denn die sicht- und spürbare Frömmigkeit anderer, durch Kopftuch und Kippa soll uns nach Paulus anreizen, unser Glaubensleben neu zu beleben; soll uns anreizen wieder miteinander davon zu Sprechen, was unser Leben in Ewigkeit erhält: von dem einen Gott, der uns durch seinen Heiligen Geist tröstet, antreibt und begeistert.

– Jetzt, da in der Bergkirche aus liebevoller Fürsorge das Abendmahl gefastet wird, können wir von der wöchentlichen Schabbat-Feier jüdischer Familien lernen. Setzen wir uns wie sie ein Mal in der Woche abends zusammen an den Tisch, um zu essen, um Gott Danke zu sagen, um Brot und Traubensaft zu teilen mit den Worten: Für dich gegeben.

– Vor der ehemaligen Auerbacher Synagoge steht auf der Gedenktafel ein Zitat aus dem Buch Mose geschrieben, das Juden und Christen gleicher Maßen anreizen. Es lautet: Hüte dich und bewahre deine Seele gut, dass du die Geschichte nicht vergisst, die deine Augen gesehen haben und dass sie nicht aus deinem Herzen komme dein Leben lang. Und tue sie deinen Kindern kund. (5.Mose 4,9)

– Als zu Ostern auch der Kindergottesdienst entfiel, bekam mein dreijähriges Patenkind Julian von seiner Mutter öfter aus der Kinderbibel vorgelesen. Anschließend hatte er viele gute Fragen. Sie reizten mich. Um ihm wirklich verständlich zu antworten, drehte ich für ihn kleine Videos, in denen ich mit Duplofiguren die Passions- und Ostergeschichte nachspielte und erklärte. Begeistert stieg unser älterer Sohn mit ein und brachte neues Leben in das uns scheinbar so bekannte Ostergeschehen.

Reizende Begegnungen können zum Segen für uns werden, gleich ob mit Jüngeren, Älteren oder Andersgläubigen. Sie können uns anreizen, selbst neu sprachfähig zu werden über unseren Glauben. Welche ungeklärten Fragen und Geheimnisse Gottes reizen Sie, ihnen endlich nachzugehen?

Welche gelüfteten Glaubensgeheimnisse möchten Sie mit anderen teilen?

Was entdecken Sie bei Juden, Muslimen und anderen, dass Sie fasziniert oder gar im besten Sinne eifersüchtig macht?

Fragen wir, um Gottes Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Wachsen wir durch die reizende Beziehung zu Andersgläubigen.

Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Amen.

Der Friede Gottes,

der höher ist als alle menschliche Vernunft

bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

Geistliches Wort zu Pfingsten 2020, Pfarrer Karl Michael Engelbrecht

»Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth«.

Zum Pfingstfest grüße ich mit diesem Wort des Propheten Sacharja, das seine Aktualität bis heute nicht verloren hat. „Durch Heer oder Kraft“ heißt durch Macht-Demonstration. Damit treten die auf, die in unserer Welt das Sagen haben wollen; die bestimmen wollen, wo es langgeht und nach welchen Regeln gespielt wird.  Die Erfahrungen mit der Corona-Pandemie zeigen, wie töricht Machtgebaren sein kann. Im Hochmut unterschätzt es Gefahren und macht unvorsichtig. Trump, Putin, Erdogan, Johnson und wie sie heißen mögen, haben ihre Lektion bekomme. Es hat unnötige Menschenleben gekostet und die Wirtschaft, wie das ganze Leben, sind vielerorts noch mehr als bei uns beschädigt. Das mahnt uns achtsam zu bleiben. Das Ziel, wieder wie vor Corona leben zu können, lässt sich nicht mit Gewalt erzwingen, sondern es braucht Vorsicht und kluge Forschung, dass das Virus irgendwann gestoppt werden kann. Auf diesem drangvollen Hintergrund hören wir auf die Pfingstbotschaft, die sagt: Gott treibt seine Sache nicht mit Gewalt, sondern mit seinem Geist. Den gießt er aus, dass die Welt darüber heil werde. 

Davon erzählt die Pfingstgeschichte in der Bibel: Apostelgeschichte 2, 1-18

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.

Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.

Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.

Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?

Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unseren Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins. Amen.

Eine Antwort auf die Frage „Was feiern wir eigentlich an Pfingsten?“ lautet: „Wir feiern den Geburtstag der Kirche.“ Und wie die Bibel es schildert, könnte man meinen, dass diese Geburt mit einer Art Feuerwerk einhergegangen ist.

Die Pfingstgeschichte spricht von einem Brausen und von Feuerzungen, die vom Himmel fallen. Ein tolles Spektakel also. Aber es war noch mehr. Es war die Initialzündung einer Begeisterung, die sich rasch in alle Welt ausgebreitet hat. Menschen, die sich eben noch alleingelassen, traurig und ratlos erlebt haben, wachen auf und wachsen über sich selbst hinaus. Sie gehen in alle Welt und verkündigen das Evangelium in allen Sprachen. Es entsteht eine Bewegung, die bis in fernsten Winkel der Welt geht. Unter anderem bis nach Phrygien und Pamphylien heißt es da. Dass das auf dem Boden der heutigen Türkei liegt, spielt keine Rolle. Es hätte auch heißen können bis nach Hintertupfingen und Timbuktu. Das Evangelium läuft bis in die entferntesten Winkel und es sind viele Menschen, die von dem lebensfreundlichen Geist berührt und in Dienst genommen werden. Bewegt von Gottes Geist werden sie zu Anhängern und Multiplikatoren seiner Sache. Sie werden Kirche. Kirche kommt aus dem Griechischen. „Kyrikä“ heißt zum Herrn gehörig.

Die in der Kirche gehören zum Herrn, das heißt sie wollen in seinem Geist leben. Sie wollen achten, was er gesagt und getan hat. Sie geben sein Evangelium weiter und rufen als seine Boten weitere in die Nachfolge. Volkszugehörigkeit, Herkunft und Sprache spielen keine Rolle mehr. Der Geist Jesu, der Geist Gottes ist das verbindende. Er initiiert den missionarischen Auftrag. Über die Boten sammelt er die Menschen für eine Zukunft mit Gott. Die Kirche ist gleichsam der Ort der Sammlung.

Kirche wird heute meist als Institution erlebt, die viele sehr unterschiedliche Aufgaben wahrnimmt und alle möglichen Interessen vertritt. Da geht es um gesellschaftliche Verantwortung, um Kontaktpflege am Ort und in die Ferne, um die Präsenz in den Medien, da geht es um soziales Engagement mit Kindertagesstätten und Diakonie vom Besuchsdienst über die Krankenpflege bis zur Hospizarbeit. Da wird an die Menschlichkeit appelliert und es werden beispielhafte Zeichen gesetzt. So beschließt man etwa, dass ein Schiff gekauft wird, welches Flüchtlinge aus dem Meer retten soll. Aber Kirche wird auch anders erlebt. Da gibt es Missbrauchsfälle, die den Ruf erschüttern. Da wird von Gottesdiensten und Versammlungen berichtet, die zu Ausbreitungsorten von Corona wurden, weil man leichtfertig war und Regeln ignoriert hat. In solchen Zusammenhängen ist das öffentliche Interesse an Kirche beträchtlich. Skandale finden Beachtung und beim Reden über Kirche, werden auch schnell alle über einen Kamm geschoren.

Evangelisch, katholisch, freikirchlich - natürlich haben sie es alle mit Gott und mit Jesus Christus und jeder soll doch glauben dürfen, was er will. Kirchenfernen erscheinen die Unterschiede töricht. Schließlich glauben alle an den gleichen Gott. Lehrmeinungen und Maßgaben, die an Kirchenmitgliedschaft geknüpft sind, stoßen auf Unverständnis und sind kaum mehr vermittelbar. Warum werden Frauen nicht zum Priesteramt zugelassen? Warum soll ich nicht in der Kirche getraut werden, die mir gefällt, weil die Eventlokation in der Nähe ist? Weder macht der Konflikt um Maria 2.0 die katholische noch die Verweigerung von Kasualien bei Ausgetretenen die evangelische Kirche attraktiv. Von vielen Menschen in unserem Land wird Kirche nur noch als schwer durch­schaubare und nicht zuletzt wegen der Kirchensteuer als zu kritisierende Größe verstanden. Sie muss daher alles daransetzen, Vertrauen zu gewinnen, durch ihre Botschaft und ihr Dasein für die Menschen. Es ist an der Zeit sich von überholten Strukturen zu lösen und auch über Mitgliedschaften nachzudenken, die nicht an der Kirchensteuer hängen.

Kirche hat ihren Grund in Jesus Christus. Christus ist ihr Eckstein, der Grundstein auf den sie gebaut wird. Dieser Bau ist weiter im Gang und längst noch nicht vollendet. Gott wird sie einst vollenden und den Schlussstein setzen „nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch seinen Geist“. Wenn dieser Schlussstein gesetzt ist, wird es ein Tag des Jubilierens und der Freude sein. So sieht es der Prophet Sacharja. Was Gott mit seinem Geist an Pfingsten auf den Weg gebracht hat, das bringt er auch zu Ende. Das heißt Kirche hat ein Ziel, das bei Gott liegt. Auf dem Weg dahin soll sie sich als Hüterin des Evangeliums bewähren. Das hat sie 2000 Jahre lang getan. Wohl konfessionell gespalten, von menschlichen Fehlern belastet und wegen vieler Ungereimtheiten auch zu Recht gescholten, hat sie doch unter dem Beistand des Heiligen Geistes dafür gesorgt, dass es den finsteren und lebensfeindlichen Mächten dieser Welt niemals gelungen ist, die Macht der Liebe und den Glauben an eine freundliche Zukunft mit Gott zu zerstören. Und das muss jetzt als Geburtstagslaudatio genügen!

Mit ihrem Geburtstag feiert die Kirche auch den Heiligen Geist, der in ihr wirkt. Schon früh im Christentum haben Künstler den im Bild einer weißen Taube widergegeben. Unter einem solchen Bild habe ich nun bald 38 Jahre gestanden immer, wenn ich hier in der Bergkirche Gottesdienst gehalten habe. Eigentlich kann man das Bild überhaupt nur sehen, wenn man, vor dem Altar stehend, senkrecht nach oben schaut. Das Bild hat mich immer berührt, denn es weist auf das Ziel meiner und der Kirche Arbeit. Es findet sich am Schlussstein des Gewölbes, dort wo die Chorstreben über dem Altar zusammenkommen. Tief im Fundament liegt der Grundstein, der Eckstein, auf dem die Kirche gebaut ist. Ganz oben ist der Schlussstein, der letzte Stein, bei dem alles zusammen kommt. Er ist der Stein, der das Ganze vollendet und stabil macht. Ohne diesen Stein würde der Bau einstürzen.

Dort sieht man die weiße Taube, das Symbol des Heiligen Geistes. Sie hat ein Gesicht und einen goldenen Nimbus und sie schwebt aus einem blauen Schild. Es sieht so aus, als wolle sie vom Himmel kommend auf dem landen, der am Altar steht. Noch hinter dem blauen Schild findet sich ein rotes, das den eigentlichen Schlussstein verdeckt. Von der Form her erinnert es an ein vierblättriges Kleeblatt, an das Glückssymbol. Seine Blattränder sind golden eingefasst. Rund um das Bild mit der Taube verteilen sich auf dem weißen Grund der Decke schlängelnde Zungen und spitze Strahlen in blau und rot. Sie versinnbildlichen das Pfingstgeschehen: Die Ausschüttung des Heiligen Geistes.  Das von dem Feuerwerk ausgelöste Spiel der Farben in rot, blau und grün setzt sich noch ein ganzes Stück auf den Chorstreben nach unten fort. In der kirchlichen Ikonografie haben diese Farben alle eine Bedeutung. Blau ist die Farbe des Himmels und der Gegenwart Gottes. Rot ist die Farbe des Lebens, der Liebe und der Zeugen; auch die Farbe des Feuers ihrer Begeisterung. Grün weist auf das Paradies hin und symbolisiert die Hoffnung, da mal wieder hinzukommen. Weiß ist die Summe aller Farben und Ausdruck der Festtagsfreude. Das kostbare und undurchdringliche Gold schließlich verbirgt das göttliche Geheimnis vor den menschlichen Augen und wahrt es so vor jedem Übergriff bis an den Tag der Vollendung. Der verdeckte Schlussstein sagt: Das Letzte, die Vollendung bleibt uns noch verborgen. Wir dürfen nur wissen, dass uns Erfreuliches und Glückvolles erwartet. Das bedeutet auch, dass die Botschaft, die von diesem Altar ausgehen soll, nicht Katastrophe und Gericht ist, sondern im Sinne Gottes frohe Botschaft, Evangelium. Darin habe ich meinen Auftrag immer gesehen.

Meine Dienstzeit in der Auerbacher Gemeinde geht mit Pfingsten zu Ende. Eigentlich sollte deshalb da auch mein Verabschiedungs-Gottesdienst sein. Wegen Corona mussten wir diesen auf den 6. September verschieben, auf den 13. Sonntag nach Trinitatis, 15 Uhr. Es ist also noch kein Abschied, sondern ganz einfach Pfingsten.

So wünsche ich gesegnete Pfingsttage

Karl Michael Engelbrecht

Geistliches Wort zum Sonntag Jubilate am 3. Mai 2020 von Pfarrer Karl Michael Engelbrecht

Johannes 15, 1-8

Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger. Amen.

Audioaufzeichnung Geistliches Wort zum Sonntag Jubilate

Weil wir uns immer noch nicht wieder zum Gottesdienst in unserer Auerbacher Bergkirche versammeln können, füge ich dieses Bild bei. Wenn ich in unsere Kirche gehe, dann wird mein Blick automatisch dorthin zum Chor hingezogen. Das ist der vom übrigen Kirchenschiff abgesetzte Altarraum mit seiner baulich auffälligen Gestaltung. Er ist schmaler als die übrige Kirche und wird umrahmt von einem roten gotischen Spitzbogen, der sich von den sonst weißen Kirchenwänden absetzt. Die Decke des Chorraums hat eine kunstvolle und viel aufwendigere Gestaltung als die übrige Kirche mit ihrem hölzernen schlichten runden Tonnengewölbe. Im Chorraum finden sich feine gegliederte Deckenstreben, die über dem Raum an der Decke an zwei auch in ihrer farbigen Gestaltung besonders markierten Punkten zusammenlaufen. Die Deckenfelder zwischen den Streben sind mit grünen Ranken-und roten Blüten-Ornamenten ausgemalt. In der Mitte hängt das in Gold strahlende Triumphkreuz mit dem Christuskörperumgeben von kunstvoll geschmiedetem Rankwerk. Vor dem Hintergrund der Deckewirktes, als würde siemit ihrer Bemalung die Ranken des Kreuzes in veränderter Weise aufnehmen undentfalten. Das ganze Bildspricht von der göttlichen Kraft, die in Christus gegenwärtig ist. Aus ihr wächst das Leben. Esentfaltet sich, grünt und blühtum zu fruchten

Dieses prächtige Bildprogrammim Chorraum greift die Botschaft des Jubilate-Evangeliums auf, in dem Jesus sagt: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“Mit dem Weinstock veranschaulicht Jesus zum einen seine Beziehung zu denen, die ihm nachfolgen und zum anderen seine Einheit mit dem Vater, der in diesem Zusammenhangauch die Rolle des Weingärtners innehat. Jesus verbindet den Schöpfergott mit der Christengemeinde, die sich in der Rolle der Rebenfindet, die am Weinstock hängen.

Weinstock und Reben sind schon im Alten Testament bedeutungsvolle Bilder. So wird im 128. Psalm eine gute Ehefrau im Haus mit einem fruchtbaren Weinstock verglichen. Oder die Geschichte des Volkes Israel wird im Bild vom Weinstock beschrieben. Gott hat diesen Weinstock in Ägypten ausgegraben und ihn im gelobten Land wieder eingepflanzt. Da sollte er gedeihen und seine Ranken ausbreiten. In den Büchern Mose wird berichtet, wie die Kinder Israels nach dem Auszug aus Ägypten und der langen und entbehrungsreichen Wüstenwanderung sich dem verheißenen Land näherten und Kundschafter aussenden. Die kehrten mit einer Weintraube zurück, von der es heißt, sie war so groß und schwer, dass sie von zwei Männern getragen werden musste -ein großartiges Hoffnungsbild. Es sagt, Not und Entbehrung haben bald ein Ende und die Zukunft wartet mit einem Leben in Fülle.

In dem Jesus sich mit dem vertrauten Symbol des Weinstocks identifiziert, sagt er, dass er Mitte und Halt der christlichen Gemeinde sein will. Er ist ihr Stamm und ihr Rückgrat. Davon gehen Triebe und Verästelungen aus. So wächst die Gemeinde, breitet sich aus und entfaltet blühendes Leben. Im Grunde aber hängt alles an ihm und alles geht von ihm aus. Alles Wachsen, Blühen, Gedeihen und Reifen hat seinen Grund in der Kraft, die von ihm kommt und die er weiter gibt, wie der Weinstock vom Stamm aus mit seinem Saft die Triebe und Ranken versorgt, dass die Knospen aufbrechen und blühen. Die unterschiedlichen roten Blüten stehen als Ausdruck unbändiger Lebensfreude. Das ist die eine Möglichkeit. Es gibt aber auch noch die andere. Verliert nämlich eine Rebe die Verbindung zum Weinstock, ist sie getrennt, dann bekommt sie kein Wasser, keinen Lebenssaft mehr. Sie verdorrt. Man wird sie abschneiden und verbrennen. Früchte können nur wachsen, heranreifen und saftige Süße entwickeln, wenn sie mit dem Weinstock verbunden bleiben. Vollmächtig sagt Jesus: Ich bin es, der euch die Kraft schenkt, die ihr zum Leben braucht. Wenn ihr euch aber von mir lossagt, dann werdet ihr verkümmern, wie die vom Weinstock abgeschnittene Rebe. Indem ihr zu mir haltet, entscheidet sich euer Heil. Nur wer bei mir bleibt, bringt Frucht, weil er teil hat an dem Leben, das der Weingärtner hütet und stärkt und, wenn es in Not gerät, auch rettet.

Frucht ist verheißen dem, der dran bleibt. Die Bibel nennt an vielen Stellen Früchte eines mit Christus verbundenen Lebens. Paulus zählt solche in seinem Brief an die Galater (5,22) auf. Das sind Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Bescheidenheit und Selbstbeherrschung. In Zeiten wie diesen merken wir, wie schwer es ist diese Tugenden zu halten. Ich habe große Hochachtung vor dem Pflegepersonal und den Ärzten, die unter schwierigsten Bedingungen und bei hoher Ansteckungsgefahr treu ihren Dienst geleistet haben und an vielen Orten dieser Welt weiter leisten. Ich bewundere das Personal in den Geschäften, welches die Regale füllt und die Kassen bedient und trotz allem Stress freundlich bleibt. Ich merke, dass es mir oft nicht gelingt, angesichts der Umstände der Corona-Pandemie friedlich und geduldig zu bleiben; auch wenn ich weiß, dass Schutz der Gemeinschaft Einschränkungen notwendig macht. Und es geht ja auch die Angst, dass Ansteckungen wieder zunehmen könnten. Dagegen steht  das Bedürfnis möglichst bald wieder Kontakte anders als auf Distanz zu pflegen, das Bedürfnis wieder normal zu arbeiten und Kindergärten und Schulen wieder ganz zu öffnen. Die Sehnsucht nach Freiheit und Normalität wächst und damit der Druck Kontaktverbote und eingeschränkte Mobilität möglichst bald zu lockern. Wissenschaft und Politik streiten sich. Wer behält am Ende recht? Lässt sich das Virus im Zaum halten? Wann sind endlich wirksame Impfstoffe da? Wie steht es um die wirtschaftliche Zukunft, um Zusammenhalt und Frieden: bei uns, in Europa, in der Welt? Was bedeutet es, dass die Rüstungsausgaben weltweit wieder massiv gestiegen sind? Waffen machen das Leben nicht sicherer. Das könnte Corona lehren. Was bedroht uns wirklich? Was schützt? Auf vieles haben wir keinen Einfluss und auch keine sichere Antwort. Die Zukunft bleibt immer ein Wagnis. Dazu braucht es verantwortungsvolles Mühen und vor allem Gottvertrauen.

Jesus sagt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Glauben und Gottvertrauen können wir uns nicht selber geben. Das muss von Gott kommen. Er wird es uns schenken, aber dazu müssen wir am Weinstock bleiben, d.h. den Kontakt zu Christus halten. Das muss nicht mit frommen Worten geschehen. Vielleicht reicht es schon, einmal für sich darüber nachzudenken, wieviel einem im Leben geschenkt wird und wie wenig aus der eigener Vernunft und dem eigenen Tun kommt. Wir können nichts für die meisten Rahmenbedingungen, in die wir hineingeboren sind: etwa, dass wir nicht hungern müssen, wie Hunderttausende in der Welt; dass wir ein Dach über dem Kopf haben; dass wir - wie sich gerade gezeigt hat - eine vergleichsweise gute Gesundheitsversorgung haben; dass wir ordentliche Bildungsmöglichkeiten haben und dass wir trotz aller Einschränkungen im Moment doch in der Regel ganz gut leben können. All das verdanken wir nicht unseren Anstrengungen, sondern es ist uns einfach in die Wiege gelegt; ebensowie die Tatsache, dass wir nicht nur auf uns gestellt sind, sondern in einem funktionierenden Gemeinwesen leben, in dem wir Zuwendung und Freundlichkeit geben und erfahren dürfen. Im Glauben dürfen wir darin Geschenke des Schöpfers erkennen.

Bei den Früchten geht es nicht um besondere Leistungen, die wir bringen müssten. Es genügt, einfach dran zu bleiben am Weinstock. Es genügt die Gemeinschaft mit Christus zu pflegen im Hören, im Bedenken und im schlichten Tun seines Wortes. Alles Übrigeliegt bei Gott. Das Bild vom Weinstock ist eine Einladung, es mit Christus zu wagen. In seiner Gemeinschaft soll das Leben gelingen. Dieses Leben bleibt nicht frei von Schwierigkeiten und Herausforderungen, aber es hat einen festen Halt, von dem immer wieder die Kraft kommt, sich neu zu orientieren und getrost in die Zukunft zu gehen. Amen.

Geistlicher Impuls zum Sonntag Miserikordias Domini 2020 - Pfr. Christof Achenbach

Geistlicher Impuls zum Sonntag Miserikordias Domini

Wie ihr nun den Herrn, Christus Jesus, angenommen habt, so lebt auch in ihm und seid in ihm verwurzelt und gegründet und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und seid ... dankbar. Kolosser 2, 6.7

Das Wandern ist für mich des Pfarrers Lust. Ich gehe einen Waldweg entlang. Er führt ein Stück den Hang hinauf. Hoch über mir wölben sich die Äste und Zweige hoher Buchen, Eichen, Lärchen, Fichten. Das Grün wagt sich aus den Knospen der Laubbäume hervor.

Unter meinen Füßen der Wanderweg, ein Pfad, durchwirkt von Baumwurzeln. Es geht bergan. Meine Füße steigen auf den Wurzelstufen wie auf einer Treppe. Steigend betrachte ich – zunehmend fasziniert – die Wurzelgebilde: starke Streben, feine Flechten, kunstvolles Netzwerk. ... Ganz verschieden suchen die Bäume Halt im Boden. Die einen wurzeln flach, die anderen tief oder gar mit ganzem Herzen.

Dieser Waldweg erscheint vor meinem inneren Auge, als ich die Kolosserverse bedenke. „Wie ihr nun den Herrn, Christus Jesus, angenommen habt, so lebt auch in ihm und seid in ihm verwurzelt und gegründet und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und seid ... dankbar.“

In Christus „verwurzelt“, „gegründet“ und „fest“ sein, ja, das möchte ich. Es fühlt sich gut an. Aber wie geht das? Wiekann ich in Christus verwurzelt, gegründet, fest sein? Das Bild von den Baumwurzeln im Wald hilft. Christus ist mir der Boden, in dem mein Keim aufgegangen ist. Der Keim ist gewachsen. Nun senken sich meine Wurzeln in den Christusboden hinein, und meines Lebens Krone wächst gen Himmel.

In der Art einer Phantasiereise machen sich meine Gedanken auf den Weg. Ich spüre meinen Wurzeln nach. Sie krallen sich im Boden fest. Der Boden gibt Halt. Die Wurzeln wachsen. Der Boden ist gut. Wasser strömt aus ihm, lebendiges Wasser. Nährstoffe stärken, geben Kraft zum Leben. Ich wachse.

Immer tiefer senken sich die Wurzeln in den Boden hinein. Ich spüre die Kraft des Erdreichs; die Kraft, die mich hält; die Kraft, die mir zuströmt. Sie steigt durch die Wurzeln in mir auf, erfüllt mich, richtet mich auf. Ich hebe meine Krone ins Licht. Meine Äste strecken sich aus. Ich fühle mich gut gegründet, kräftig, fest. Jetzt kann kommen, was kommen will.

Was sind die Nährstoffe, die wir aus Christus ziehen? – Es ist die unverdiente Liebe, die Gnade für mein Leben. Es ist die Gottverbundenheit für immer und ewig. Es ist der Trost, die Welt nicht retten zu können, aber hier und da eine rettende Tat zu tun, ein rettendes Wort zu sagen, einen rettenden Gedanken zu denken.

Verwurzelt in Christus, wachsen wir in zwei Richtungen: immer tiefer in ihn hinein und immer höher in die Welt hinaus. Offenbar brauchen wir Momente und Zeiten, in denen wir bewusst unsere Wurzeln in Christus senken, in denen wir uns die Nährstoffe reichen und schmecken lassen und in denen wir nachspüren, wohin seine Kraft uns trägt.

Waldbaden ist also angesagt, ganz im Stil der neuen Zeit. Also geh in den Wald und lerne deinen Kraftquellen nachzuspüren.

Oder besuch deinen Lieblingsbaum und lass dir predigen von ihm.

Oder nimm das Bild von den Wurzeln mit in dein Gebet.

Lass dich von Christus locken, immer tiefer einzudringen in sein Geheimnis. Irgendwann merkst du, dass du diesen Boden nicht mehr loslassen willst. Irgendwann merkst du, dass du dem Wind standhältst, weil der Boden dich hält und trägt. Amen.

Geistliches Wort zum Sonntag nach Ostern von Karl-Michael Engelbrecht

 

 

 

 

 

 

Audiodatei Geistliches Wort zum Sonntag nach Ostern von Karl-Michael Engelbrecht

Johannes 20, 24-29

Thomas aber, einer der Zwölf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: "Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich's nicht glauben." Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: "Friede sei mit euch!" Danach spricht er zu Thomas: "Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!" Thomas antwortete und sprach zu ihm: "Mein Herr und mein Gott!" Spricht Jesus zu ihm: "Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!"

Vor ein paar Tagen war dieses Werk des Barockmalers Michelangelo Merisi Caravaccio Titelbild eine Fernsehwerbung, die angesichts der Corona-Pandemie zum medialen Besuch der Bildergalerie im Potsdamer Schloss Sanssouci eingeladen hat.Mich hat dieses Bild zu der Geschichte vom ungläubigen Thomas gleich auf den ersten Blick fasziniert.

Da schlägtJesus mit der Rechten sein Gewandzur Seite, entblößt seinen Oberkörper undpacktmit derLinken das Handgelenk des Thomas. Der hat seinenZeigefinger forschend ausgestreckt undJesus führt den Finger direktin seineoffene Seitenwunde. Die hatteeiner der Soldaten des Pilatus dem Gekreuzigten,post mortem,mit einer Lanze zugefügt, bevor sie ihn vom Kreuz genommenhaben.Der Evangelist Johannes sieht darin eine Weissagung des Propheten Sacharja erfüllt und ein Zeugnis für die göttliche Wahrheit in Jesus Christus.

Der kommtin unserem Evangelium eine Woche nach Osternin das Haus, wo sich dieJünger aufhalten. An den Wunden der Kreuzigung gibter sich zu erkennen. Thomas allerdings istnicht dabei.Später glaubter den anderen deshalb nicht, als sie sagen: „Wir haben den Herrn gesehen.“ Ihm reicht es nicht, was sie sagen. Er hat seine Zweifel und gibt sich nicht mit ihren Wortenzufrieden. Er will selbstsehen, erkennenundbegreifen.

Auf dem Caravaccio-Bild wirkt Thomas äußerst konzentriert und angestrengt. Seine Stirn liegt in Falten, die Muskeln am Hals sind gespannt.Sein scharfer Blick dringtüber den Finger in die Wunde. Sein ganzer Körper beugt sich in diese Richtung. Ohr, Auge und Finger sind auf einer Linie. Die Nase schwebt über dem Nägelmal an Jesu Hand. Mit der linkenHand stützt sich Thomas an der eigenen Hüfte ab. Die Spannung bewirkt, dass die Naht seines Obergewands an der Schulter reißt oder wenigstensklafft. Thomashält das Anstößige der Situation aus. Er tut, was er soll und muss. Er wehrt sich nicht. Auf mich wirkt er fast wie ein Arzt, der verantwortungsvoll handelt und einen Eingriff vornimmt, wie unappetitlich die Sache auch sein mag. Wie Assistenten schauen ihm dabei zwei andere Apostel über die Schulter. Auch sie sindangespannt und konzentriertbei der Sache. Der in der Mitte hinter Thomas ist wohl Petrus, erkennbar an seinerhohen Stirn. So wirder immer wieder dargestellt. Und Jesus stellt sich nicht nur als Objekt der Untersuchung zur Verfügung, sondern er istmit seinem prüfenden Blick, seinem Eingreifenund seinerganzen Körpersprache zugleichermutigenderAnleiter und Lehrer. Auf die ganze Szene fälltLicht von oben.Es erleuchtet auch den forschenden Zweifler, der in der Geschichte am Ende seiner Lektion erkennt, wen er vor sich hat. So kanner sich zu dem Auferstandenen bekennen mit den Worten: „Mein Herr und mein Gott!“

Berührungen sind in vieler Hinsicht ein heikles Thema. Gerade leben wir in einer Zeit, in der körperliche Berührungen zwischen nicht in einem Hausstand lebenden Menschen zu vermeiden sind. Abstand halten ist angesagt. Wodas kaum geht,wie im Altersheim oder Krankenhaus, da braucht es besondere Vorkehrungensich und andere zu schützen. In der Zeit Jesu galt die Berührung der Wunde eines Menschen als rituelle Verunreinigung. Was göttlich war, das galt für frommeMenschen überhaupt als unberührbar. Daran kann man messen, wie revolutionär das ist, was sich da zwischen Thomas und dem Auferstandenen abspielt.

Für den Evangelisten Johannes und die meisten Christen ist Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch. Für mich ist es gerade die herausragende Größe unseres Christengottes, dass er sich von Menschen anrühren und,soweit das Menschen überhaupt möglich ist,auch erforschen lässt.Deshalb ist er ja Mensch geworden, dass wir sehen und erkennen können, wasGottin seiner Menschenfreundlichkeit tut, was er von uns erwartet, wie ernst er es mit uns meintund wie nahe er uns sein will.In der Nachfolge des Thomas sind wir aufgefordert, nach Gott zu fragen, über ihnnachzudenken–selbstkritisch -und uns ihm auch forschend zu nähern. Zweifel sind statthaftund nach wissenschaftlichen Prinzipien betriebene Wahrheitssuche ist ein legitimer Weg verantwortungsvoller Theologie. Glauben aber muss am Ende jeder aus eigenemHerzen, indem wir wahrnehmen, wie Er uns berührt.

Amen.

Bild: Michelangelo Merisi Caravaccio, 107 x 146 cm, gemalt etwa 1602, Ausstellung: Schloss Sanssouci, Potsdam

Geistliches Wort zu Ostern 2020 von Karl-Michael Engelbrecht

Markus schreibt in seinem Evangelium vom ersten Ostermorgen:


„Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.


Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.


Audiodatei "Geistliches Wort zu Ostern"

Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.“ Amen.


Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus und Salome – das sind die drei Frau, die nach Überlieferung des ältesten Evangelisten am Ostermorgen zum Friedhof gehen. Da hören sie, dass ihr Herr und Meister nicht mehr im Grab liegt. Es sitzt einer da, der sagt: „Er ist auferstanden, er ist nicht hier.“ Die Frauen sind erschrocken und bestürzt. Von Angst gepackt rennen sie weg, „denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen.“

So beginnt der Ostermorgen für diese Frauen. Im Kreis um Jesus waren sie die Treuesten der Treuen gewesen. Sie hatten an seine freundliche Botschaft für die Kranken, die Armen, die Verachteten und auch für sie als Frauen geglaubt. Dann mussten sie erleben, wie man ihn verhaftet, gequält und ans Kreuz geschlagen hat. Ihre ganze Hoffnung war mit ihm am Kreuz gestorben. Nun ist ihnen nur noch sein Grab geblieben. Wo sollten sie sonst hingehen mit ihrer Trauer? Wohlriechende Öle hatten sie gekauft. Seinen Leichnam wollten sie damit salben. Vielleicht wollten sie ihn auch nur noch ein letztes Mal sehen. Eiligst war sein Leichnam wegen des anbrechenden Sabbats weggeschafft worden. Zum Abschied nehmen war da keine Zeit geblieben. Das Grab hatte man mit einem schweren Stein verschlossen, aber vielleicht wäre ja einer da, der ihnen den zur Seite wälzen könnte. Dann aber ist das Grab schon offen und sie werden zu ersten Zeugen der Auferstehung, zu ersten Zeugen von Ostern. Allerdings verstehen, was sie da sehen und hören, das tun sie nicht, noch nicht.
Der anwesende Jüngling im weißen Gewand gibt den Fortlaufenden noch den Auftrag mit: "Geht hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat."
Nach Galiläa sollen sie gehen, dahin, wo alles angefangen hat. Dort werden sie gebraucht. Dort wird ihnen der Auferstandene begegnen und er wird sie in seinen Dienst nehmen als seine Zeugen und Boten.


Der mehrere Tage dauernde Weg von Jerusalem nach Galiläa hat den Frauen sicher gut getan. So haben sie Zeit gefunden, das Erlebte zu verkraften, sich zu erinnern, nachzudenken und endlich auch zu verstehen, dass Gott mit dem Leben, Sterben und Auferstehen von Jesus Christus ein Zeichen setzen wollte, ein Zeichen vom Sieg des Lebens über den Tod und die anderen finsteren Mächte. Gott hat ihren Herrn nicht dem Tod überlassen und so, wie er es mit Jesus Christus gemacht hat, kann er das mit jedem tun. Er kann Gräber öffnen und den Weg frei machen. Noch so schwere Steine, die davor liegen, werden ihn nicht hindern. Gott kann bewegen, was unmöglich scheint. Wir dürfen ihm vertrauen, weil er uns liebt und weil er alles dafür tut, dass wir nicht verloren sind. Das haben die Frauen schließlich alles verstanden und sie haben getan, wie es ihnen gesagt war. Mutig sind sie gegangen und haben die Osterbotschaft weitergetragen.


Jesus Christus ist auferstanden! Wir dürfen uns über den Sieg des Lebens freuen. Den Frauen gleich dürfen wir uns auf den Weg machen, dürfen wir Christus nachfolgen im Geist, in der Tat, in der Auferstehung und österlich leben: zuversichtlich und befreit.


In diesem Sinn möchte ich auch die Symbolik auf unserer neuen Osterkerze deuten. Die Gestaltung unserer Osterkerzen liegt ja seit vielen Jahren bei der Künstlerin Irmintraud Teuwisse-Eckert. Von dieser Kerze werden wir, wenn wieder Gottesdienste in der Bergkirche möglich sind und wir dann dort auch wieder taufen, die Flamme für die Taufkerzen holen.


Im Blick auf die Taufe erklärt die Künstlerin ihre Gestaltung: „Es werden Ströme lebendigen Wassers fließen von dir, der du getauft bist, überströmende Fülle, Wachstumssegen aus gutem Grund, denn Du bist beschenkt.“

Im Zentrum des Symbolbildes sehe ich über dem Kreis mit dem Goldhintergrund, welcher vom göttlichen Geheimnis, dem Urgrund allen Seins zeugt, und dem das Lebenselexier des Taufwassers symbolisierenden Kreuz eine goldene Spirale. Sie ist mir Hinweis auf den goldenen Lebensweg in der Nachfolge Christi. Die sich öffnende Spirale ist ein sehr altes Symbol für die Entwicklung des Lebens. Sie steht für die Entfaltung, die Ausbreitung und das Wachsen in sich weitenden Kreisen. Beispielsweise auf alten Grabsteinen keltischer Christen symbolisiert sie den von Christus gezeigten Weg aus dem Tod zum Leben, vom irdisch Vergänglichen hin zum himmlisch Ewigen. Sie symbolisiert Weg und Richtung, in die das österliche Leben strebt.

Ich verstehe das Bild so: Gehalten, geführt und immer wieder von Gottes gegenwärtiger Macht berührt, darf sich das Leben, unter göttlichem Glanz öffnen und entfalten. Der Anfang, das Alfa, in der Taufe ist da; ein goldener Weg ist angezeigt; das Ende, der Ausgang, bleibt offen, wie das Omega unten, wenn die Kerze einmal fast abgebrannt ist. Wo führt uns das Leben hin? Früher konnten viele Menschen gerademal an Fingern und Fußzehen zusammen bis zwanzig zählen. Das war die Grenze. Wir zählen jetzt 20 20. Ich frag mich in diesen Zeiten: Ist immer noch alles offen in meinem Leben, in unserem Land, in der Geschichte Europas, in der Welt? Nur Gott weiß es! Wie wird sich das Leben nach der Corona-Krise gestalten? Wird es enger, wird es freier? Ist es dann vielleicht so, dass sich die Spirale anders herum dreht: nach links, nach innen; dass sich die Bahnen des Lebens verdichten, dass sie an ihr Ziel kommen? Geht das Lebensgefühl in eine befreite Zukunft oder wird es regiert von wachsender Endzeit-Stimmung?


Möge unser Leben auf dem goldenen Weg bleiben und gehalten sein von dem freundlich zugewandten Herz Gottes! Mit Ostern hat er anschaulich gezeigt, dass er zu uns hält. Er lässt uns nicht im Stich. Er nimmt es mit allem auf, was das Leben infragestellt und er lädt ein zu einem hoffnungsvollen österlichen Leben hier und heute. Amen.

Osterpredigt: Erstaunlich – österliche Sichtweisen von Pfarrer Christof Achenbach

CA

Es ist noch eine kleine Zeit, dann sieht die Welt mich nicht mehr. Ihr aber seht mich, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben. Johannes 14,19

 

 

 

 

 

 

 

Video-Osterpredikt

Erstaunlich unbekümmert

Wenn am Ostermorgen die Glocken läuten, gibt es keinen Grund, bekümmert zu sein. Die Orgel spielt „Christ ist erstanden von der Marter alle“. Diese altvertrauten österlichen Töne sind fähig, alles Irdische weit weg zu tragen. Die eine Strophe genügt, und wir landen sanft auf der besseren Seite der Welt. Die klaren Klänge verbinden sich mit der aufgehenden Sonne. Alle Finsternis weicht. Es gibt keinen Zweifel. In diesem Licht küssen sich Frieden und Gerechtigkeit. Das Wüten der ganzen Welt wird verschlungen in den Sieg der Auferstehung. Dieser Glaube versetzt Berge und ebnet selbst Grabhügel ein. Alle nur erdenkliche Hoffnung geht mit uns heimwärts. So ist Ostern.

Der Anblick des leeren Grabes am Ostermorgen in Jerusalem musste dagegen Zweifel und Entsetzen wecken. Nicht einmal die engsten Vertrauten konnten ahnen, was wirklich geschehen war. Eine Zeit lang hatten sie geglaubt, die Macht des Todes anzweifeln zu können. Dann aber hatten sie zusehen müssen, wie der, von dem sie gehofft hatten, er werde Israel erlösen, qualvoll hingerichtet wurde.

Erschüttert und verstört hatten sie ihren toten Christus vom Kreuz genommen und beigesetzt. Drei Tage später stand das Grab offen und war leer. Die Nachricht verbreitete sich eilends und führte zu zwiespältigen Vermutungen. Der Gedanke, der Hingerichtete hätte aus eigener Kraft das Grab verlassen, lag fern. In den Evangelien findet sich vor der Leidensankündigung Jesu kein Hinweis, dass jemand ernsthaft mit seiner Auferstehung gerechnet hätte.

Erstaunlich kalt

In Friedrich Dürrenmatts Erzählung „Pilatus“ begibt sich der Statthalter Roms persönlich zum Grab. Er hat erfahren, dass einer der drei am Karfreitag Hingerichteten, den seine Soldaten spöttisch „Gott“ nannten, trotz strenger Bewachung spurlos aus dem Grab verschwunden sei. „Als aber nach drei Tagen der Bote früh am Morgen zu ihm gekommen war, der ihm gemeldet hatte, dass der Gott sein Grab in der Nacht verlassen habe ... ritt er sogleich dorthin und schaute lange in die Höhle. Sie war leer, und der schwere Stein, der sie bedeckt hatte, lag zerbrochen auf der Erde.

Langsam wandte er sich um. Ein Sklave aber stand hinter ihm, und der sah des Pilatus Gesicht: Unermesslich war es wie eine Landschaft des Todes vor ihm ausgebreitet, fahl im frühen Licht des Morgens, und wie sich die beiden Augen öffneten, waren sie kalt.“

Nachdem Pilatus den Ort verlassen hat, ändert sich nichts. Sein Horizont endet nun erst recht an den Rändern einer Welt, die strikten Ordnungen gehorcht. Alles bleibt geregelt. Es gelten Befehl und Gehorsam. Es wird geboren, gestorben und begraben, aber nicht auferstanden. Pilatus war einer der Letzten, dem Jesus geantwortet hat. Er hat ihn verhört, aber nicht verstanden. In der Sprache der Macht gibt es weder Himmel noch Verheißung. Nur so kann der Tod das letzte Wort behalten. Die kalten Augen des Prokurators verraten sein leeres Herz. Sein ganzes bisheriges Leben hatte nicht die Kraft, diesen Augenblick zu erfassen. Er hat Ostern verfehlt.

Erstaunlich kurz

„Ihr aber sollt mich sehen“, sagt Jesus den Seinen zum Abschied. Sie verstehen es nicht. Erst im Nachhinein zerreißt das „Aber“ die Gesetze der empirischen Welt und setzt die Zeit neu in Gang. Mitten in ihrer blinden Traurigkeit öffnet der Auferstandene den Trauernden Herz und Augen und beschenkt sie mit einer völlig veränderten Sicht des Geschehens. Er führt sie in ein neues Land. Die Sprache der Angst und die Landschaft des Todes weichen zurück, wenn er spricht. Kein Wort bleibt hinter der Grenze zurück. Kein Gedanke kann beim Alten verharren. Die Wahrheit des Todes wird durch Christus erweitert und überwunden in das Leben der kommenden Welt.

Das Evangelium bringt das mühelos im ersten Licht eines einzigen Tages unter. Ein leeres Grab, eine offene Tür, ein zur Seite gerollter Stein sind nur noch stumme Zeugen einer Welt von gestern. Der Glaube schlägt inmitten dieser Welt die Augen auf. Das Alte ist vergangen. So kurz ist Ostern. Aber es hält ewig. Sekunden genügen, um Herzen in Brand und die Botschaft in Gang zu setzen. Der Himmel hat längst begonnen.

Erstaunlich aktuell

Nicht selten kann erst die Erinnerung eine dunkle Seelennacht in klares Osterlicht versetzen. Im Nachhinein ermuntern alle Ostergeschichten der Evangelien zum Sprung in den Glauben. Doch nur wer sich zum Grab wagt, kann entdecken, dass es niemanden mehr festhält.                                                                                                           Als Maria Magdalena in der Morgendämmerung des dritten Tages aufbricht, sucht ihr Herz einen Toten. Sein Begräbnis stellte auch für sie alle Hoffnung in Frage. Sie kann weder ausdenken noch glauben, was ihr wenige Augenblicke später vor die Augen kommen soll. Am offenen Grab trifft sie einen Unbekannten und denkt, es sei der Gärtner. Auf die Frage nach dem Toten, der hier bestattet wurde, antwortet der Fremde unerwartet kurz und deutlich. Er nennt ihren Namen: „Maria!“ Sie erkennt seine Stimme. Was zwischen die Worte gerät, geht aufs Ganze. Zwei Menschenworte reichen aus, um den ganzen Himmel und die ganze Welt zu umfassen. Alle Kraft, alle Liebe, aber auch aller erlittene Schmerz findet Raum in dieser einen Sekunde. Das ganze Evangelium bewahrheitet sich jetzt. Sie antwortet: „Rabbuni!“, das heißt: „mein Meister!“ Als sie sich umdreht, hat sich die ganze Welt gedreht. Ostern steht nicht am Ende, sondern am Anfang ihres Glaubens. Alles ist anders, sie ist von jetzt an auf der besseren Seite der Welt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen Leben. Amen.

Geistliches Wort zur Karwoche 2020 von Pfarrer Karl Michael Engelbrecht

Hier können Sie sich das von Pfarrer Karl Michael Engelbrecht gesprochene geistliche Wort zur Karwoche anhören!

 

Auch wenn die Menschheit weltweit von einem bösen Virus bedroht wird und wir deshalb tunlichst voneinander Abstand halten, sind wir dennoch im Geist als Gemeinde Christi durch das Wort der Heiligen Schrift miteinander verbunden. Da wir weder Agape- noch Abendmahl zusammen feiern dürfen, wollen wir lesen, was uns die Evangelien von der Mahlgemeinschaft mit Jesus am Vorabend seiner Gefangennahme berichten. Darüber hinaus sehe ich uns eingeladen, vor der beschriebenen Szene unsere eigene Haltung und Rolle in der aktuellen Situation zu bedenken.

Ich beziehe mich auf die Überlieferung in Markus 14, 32-41.

Im Zusammenhang dieses letzten vorösterlichen Mahls Jesu mit seinen Jüngern heißt es da: „Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten. Da wurden sie traurig und sagten zu ihm, einer nach dem andern: Bin ich's? Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht.“

Einer unter euch ist der Verräter… Ein Name wird nicht genannt. Der Verräter bleibt anonym. Es könnte jeder sein, jeder von den Zwölfen, jeder der dabei ist. Alle fragen „Bin ich´s?“ Keiner ist seiner hundertprozentig gewiss. Und doch tauchen sie ihre Bissen mit ihm in die Schüssel. Sie tun es und er verwehrt es keinem von ihnen. Alle fühlen sich unwohl dabei. Einige reagieren erschrocken und aufgeregt, andere sind wie vor den Kopf gestoßen. Einige verstummen, andere werden laut, alle sind sie betroffen und traurig. Auf einmal steht etwas Unheimliches im Raum. Es ist die Furcht vor einer sich anbahnenden Katastrophe. Und schon wird ein Schuldiger gesucht, schon gibt es das Bedürfnis, sich von der Schuld zu distanzieren. Die Unsicherheit ist groß. „Einer wird mich verraten.“ Wer nur? Bin ich`s? Was kommen wird, ist unumgänglich und alle sind sie schon auf ihre Rollen festgelegt. Keiner kann mehr aussteigen. Offensichtlich auch Judas nicht. Ihm fällt in dem Stück eine wichtige und zugleich schreckliche Rolle zu.

Darf man fragen: Was wäre geschehen, wenn es sich Judas noch anders überlegt hätte, wenn er aus der Rolle gefallen wäre, wenn er von dem Verrat, der da ja immer noch in der Zukunft liegt, Abstand genommen hätte? Wäre dann Jesus nicht am Kreuz gestorben und an Ostern auferstanden, um die Welt zu erlösen? Wäre der göttliche Heilsplan so am Ende gescheitert?

Wenn Gott aber die Welt retten will, dann kann das nicht an einem Menschen scheitern. Judas hat im göttlichen Drehbuch seine Rolle spielen müssen und das mit allen Konsequenzen auch für sich selbst. Matthäus überliefert, dass Judas nach der Verurteilung Jesu in höchster Gewissensnot den Verräter-Lohn, die 30 Silberlinge, in den Tempel geworfen und sich erhängt hat. Er ist in seiner Rolle in dem großen Heilsdrama geblieben und ist daran zerbrochen. Sicher hat er sich in seiner furchtbaren Not so, wie es Jesus angekündigt hat, gewünscht, dass er nie geboren wäre. Das ist die bitterernste Realität des Lebens.

Manchmal ist einer auf seine Rolle festgelegt und sie bleibt an ihm kleben. Ich muss da z.B. an Gert Fröbe denken, der 1958. in „Es geschah am helllichten Tag“ nach einer Drehbuchvorlage von Friedrich Dürrenmatt einen Kindermörder gespielt hat. Der begnadete Schauspieler war dabei so gut in dieser Rolle, dass er nicht mehr vom Image des Bösewichts fortkam und zeitlebens kaum eine freundliche Rolle bekommen hat. Bei Judas wurde verkannt, dass er einer göttlichen Regieanweisung gefolgt ist, in einem Stück, das zeigen soll, wie Menschen sind und was Gott für sie und für uns alle tut. Der Verrat ist eine Wirklichkeit unter Menschen, die sich fortschreibt in der unbarmherzigen Weise, wie sie mit dem Darsteller umgegangen sind, der ihnen das vor Augen geführt hat. So wurde Judas zum Synonymbild für einen treulosen Verrat und ein furchtbares Verbrechen wider die Menschlichkeit Gottes.

Der Blick richtet sich auf Judas. Er ist der Schuldige, denkt man, und ist innerlich dann schnell mit der Geschichte fertig. Dabei haben doch viele in dem Stück genauso wie er einfach mitgespielt. Keiner ist aus seiner Rolle gefallen. Keiner hat den Lauf der Dinge verändert. Keiner hätte es können. Nur einer konnte eingreifen und etwas verändern. Das wollte er zeigen und hat es gezeigt an Ostern, als Christus aus dem Grab gestiegen ist.

Was ist die Lehre für uns in dem Drama am Tisch des Herrn? Ich denke, es ist die Botschaft, dass nicht wir es sind, die am Ende das Leben retten und das Böse besiegen? Wir fürchten uns vor dem Bösen und tun gleichwohl Böses, obwohl doch Christus mit seinem Sterben und Auferstehen zeigt, dass Gott dafür sorgt, dass die lebensfeindliche Macht am Ende verliert. Das Böse lässt sich oft gar nicht ausmachen. Dann hilft es auch nicht nach einem Bösewicht zu suchen und ihn einer Schuld zu überführen. Denn wer könnte sagen, dass er völlig frei wäre vom Bösen, frei von Selbstsucht und Desinteresse am Ergehen anderer, frei von Neid und Versuchungen, frei von Überheblichkeit und Machtphantasien, frei von Verhaltensweisen, die das Miteinander oft unerträglich machen. Das Böse bleibt vor allem da mächtig, wo Schuld verdrängt wird. Sie bleibt da mächtig, wo ich mit einem Finger auf den anderen zeige, während drei Finger auf mich zeigen. Dabei gilt es immer wieder zu prüfen, wessen Drehbuch ich folge und gegebenenfalls auszusteigen. Bei Gottes Drehbuch jedenfalls wartet ein Happyend.

Einer, der sich mit den Rollen und Charakteren an der Tafel Jesu intensiv beschäftigt und seine Sichten veranschaulicht hat, ist Leonardo da Vinci mit seinem berühmten Bild „Das Abendmahl“. Der Renaissancekünstler hat diese gewaltige Darstellung in den Jahren 1494 bis 1497 an eine Wand des Mailänder Dominikanerkloster Santa Maria delle Grazie gemalt. Das Bild ist rund 9 m breit und über 4 m hoch, aber leider nicht mehr in einem guten Zustand. Viele Details sind nicht mehr erkennbar und die ursprüngliche Wirkkraft der Darstellung ist trotz aller Restaurierungen verloren gegangen. Wenn man einen Eindruck gewinnen möchte, wie das Bild ursprünglich ausgesehen hat, dann muss man auf alte Kopien zurückgreifen. Eine qualitativ gute und wohl auch sehr genaue Kopie findet sich in der Royal Academy of Arts in London. Sie wurde um 1520 von dem italienischen Maler und da Vinci Anhänger Giampietrinos geschaffen.

Das Bild ist symmetrisch aufgebaut. Die Raumgestaltung mit Fenstern und ornamental gestaltetenTapisserien an den Wänden links und rechts führen den Blick ins Zentrum, hin zu dem in der Mitte sitzenden Christus. Auf ihn laufen die ganzen Fluchtlinien im Raum zu. Zwei Fenster und eine Tür an der abschließenden Wand geben den Blick auf eine grüne Landschaft mit blauem Himmel frei. Christus und die Jünger sitzen davor an einer langen Tafel. Keiner der Dargestellten hat einen Heiligenschein. Jesus aber wird gleichsam umrahmt von der Licht durchfluteten Türöffnung hinter ihm. Zu seiner Linken und seiner Rechten sitzen jeweils sechs Jünger, in je zwei Dreiergruppen organisiert. In der ersten von links nach rechts sitzen Bartholomäus, Jakobus und Andreas. Es folgen in der zweiten Gruppe Simon Petrus, Judas und Johannes. Dann kommt Christus in der Mitte. Er sitzt mit geöffneten Handflächen und blickt vor sich auf den weißgedeckten Tisch. Kopf und Arme ergeben ein Dreieck. In der nächsten Gruppe kommen Thomas, Jakobus, und Philippus und schließlich in der letzten ganz rechts Matthäus, Thaddäus und Simon der Zelot. Jeder in dem Drama an der Tafel spielt eine ganz individuelle Rolle, die sich ausdrückt in bedeutungsvollen Gesten und Bewegungen. Von dem Maler des Originals, Leonardo da Vinci, sind Notizen erhalten, in denen er die Jünger beschreibt: Da ist „einer, der gerade trinken wollte, aber den Becher auf seinem Platz stehen ließ und den Kopf dem Erzählenden zuwandte. Ein andrer, die Finger seiner Hände verschränkend und die Stirn runzelnd, wendet sich seinem Nachbarn zu. Ein andrer, mit offenen Händen, zeigt die Handflächen, hebt die Schultern gegen die Ohren und öffnet den Mund vor Erstaunen. Ein andrer sagt seinem Nächsten etwas ins Ohr, und dieser, der lauscht, dreht sich ihm zu und schenkt ihm Gehör, in einer Hand ein Messer, in der andern das mit diesem Messer durchgeschnittene Brot. Ein andrer, mit einem Messer in der Hand, wirft beim Umdrehen mit dieser Hand einen Becher auf dem Tisch um. Ein andrer legt die Hände auf den Tisch und starrt vor sich hin. Ein andrer bläst auf seinen Bissen. Ein andrer beugt sich vor, um den Erzählenden zu sehen, und beschattet dabei mit der Hand seine Augen. Ein andrer tritt hinter den zurück, der sich vorbeugt, und schaut zwischen der Wand und dem Vorgebeugten auf den Erzählenden.“

Mir geht es jetzt vor allem um die 2. Gruppe am Tisch: Simon Petrus, Judas und Johannes.(Den Bildausschnitt sehen Sie weiter oben neben dem Text)

Von Leonardo da Vinci wissen wir, dass er die Modelle für sein Bild unter den Menschen aus der Umgebung des Klosters ausgewählt hat. Schwierig war es eine Person für den Kopf des Judas zu finden. Für den wollte keiner gerne posieren. Es heißt, dass Leonardo endlich im Armenvierteln von Mailand einen gefunden habe, der gegen ein kleines Salär dazu bereit war.

Die Skizze zu Da Vincis Kopf des Judas sehen Sie weiter oben neben dem Text.

Judas sitzt, wie die übrigen Jünger an der gleichen Tischseite und in einer Reihe mit Jesus. Es fällt auf, dass sein Gesicht dunkler wirkt, als die Gesichter der anderen. Ein Schatten liegt darauf. Auch seine Haltung ist eigen. Während die Worte Jesu bei den anderen Jüngern ganz offensichtlich Bestürzung hervorrufen und sie anfangen miteinander zu diskutieren, verharrt Judas starr, lehnt sich zurück, sucht Distanz. Der anstehende Verrat lässt ihn von den anderen abrücken. Sein Blick ist starr. Verfolgt man die Blickrichtung, so geht sie über Jesus hinweg. In der Dreiergruppe ist Judas so platziert, dass er zwischen Petrus mit seinem aufbrausenden Temperament und dem sehr sanft wirkenden Johannes sitzt. Alle haben sie Charakter-Gesichter. Das Gesicht des Judas scheint mir eher nachdenklich. Innerlich kämpft er mit seiner Rolle. Wird er sie durchhalten? Mit der einen Hand umklammert er den Geldbeutel und wirft dabei das Salz auf dem Tisch um - ein unheilvolles Zeichen -, während er mit der anderen Hand nach dem Brot des Lebens greift.

Petrus gibt eine ganz andere Figur ab. Er beugt sich hin zu Johannes, dem Lieblingsjünger Jesu. Er wirkt begierig erfahren zu wollen, wer der Verräter sein wird. Das Temperament des Petrus zeigt sich auch an seinen Händen. Die rechte ist hinter dem Rücken zur Faust geballt, die linke unterstreicht seinen bohrenden Blick. Der waagrecht ausgestreckte spitze Zeigefinger wirkt wie ein drohender Dolch, der am Hals des sanft und vergeistigt wirkenden Johannes vorbei auf Christus zeigt. Petrus tritt als einer auf, der aktiv ist, der etwas tut. Er würde gerne der Retter sein. Der aber sitzt unnahbar in der Mitte. Johannes dagegen wirkt so gar nicht aufgeregt. Er ist frei von allem Aktivismus. Er hält sich zurück und hört ganz einfach zu, hört vielleicht auch in sich selbst. Er nimmt eine abwartende Haltung ein und hat seine Hände gefaltet. Mir ist es, als würde er in der Situation das einzig richtige tun: ruhig bleiben, abwarten, beten und sein Vertrauen auf den setzen, der von Gott ist und der alleine der Lage Herr sein und bleiben kann. Die besondere Beziehung, die ihn mit Jesus verbindet, zeigt und bewährt sich in der Krise.

In den Jünger-Gestalten dürfen wir uns selbst entdecken. Wenn ich diese drei am Tisch des Herrn betrachte, dann denke ich, dass alle eine für das vorösterliche Drama wichtige Rolle spielen. Dabei ist die Rolle des Judas wohl die problematischste und auch die anspruchsvollste. Er muss tun, wofür man ihn durch alle Zeiten verurteilen wird. Er spielt mit, aber darin ist schon vorgezeichnet dass er an dieser Rolle zerbrechen muss - ein für Menschen unlösbares Dilemma. Die Rolle des Petrus dagegen scheint kraftvoll, entschlossen und engagiert. Er ist der Macher, welcher auch Beachtung erntet. Aber retten kann er damit keinen. Nicht den, um den es hier geht und auch nicht sich selbst. Er wird seiner Absicht nicht gerecht, denn Retten kann nur der Eine in der Mitte. Das hat Petrus nicht erkannt.

Nicht nur für das Drama am Tisch erscheint mir die Haltung des Johannes als der Situation am angemessensten. Ich denke das gilt durchaus auch für unsere Situation heute, die wir in der Corona-Viren-Krise erleben. Aktivismus und Schuldzuweisungen helfen auch da nicht weiter, vor allem retten tun sie keinen. Wie der Johannes möchte auch ich jetzt lieber ruhig bleiben, aushalten, abwarten, beten und mein Vertrauen auf Gott setzen, der uns erhalten wird, so oder so.

Amen.

 

Wer sich eingehender mit dem Werk Leonardo da Vincis beschäftigen will, der findet viele Informationen und auch weiterführende Links unter:

https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Abendmahl_(Leonardo_da_Vinci)

Sonja Stein – www.grafik-stein.de

Aktuelle Informationen im Zusammenhang mit dem Coronavirus SARS CoV-2

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

nach den aktuellen Entwicklungen in Kirche und Gesellschaft halte ich es für geboten, dass wir alle Veranstaltungen der Kirchengemeinde, auch die mittlerweile verbotenen Gottesdienste, absagen. Aus meiner Verantwortung als Vorsitzender des Kirchenvorstandes bleiben folgende Maßnahmen für alle Gruppen und Einrichtungen der Kirchengemeinde angeordnet:

 

1.)    Das Gemeindezentrum in der Bachgasse wird geschlossen für alle Veranstaltungen. Die Schließung gilt bis So, 19. April 2020 einschließlich. Die Chorleiter*innen und Gruppenleiter*innen informieren die Gruppenzugehörigen und Beteiligten. Die Benutzung des Gemeindezentrums für Gruppenveranstaltungen ist hiermit bis zum Ende der Schließung untersagt, unabhängig von der Größe der Gruppe.

2.)    Das Gemeindebüro bleibt in Betrieb, aber ohne Publikumsverkehr. Es ist zu den üblichen Kernzeiten (mo, di, do, fr 10-12h und do 16-18h) telefonisch erreichbar. Die/den diensthabenden Pfarrer können Sie durchgehend erreichen.

3.)    Besprechungen sollen nach Möglichkeit telefonisch oder per Mail abgehalten werden. Einzelgespräche (Seelsorge, Kasualienvorbereitung) mit bis zu drei Personen sind auf deren eigene Verantwortung im Gemeindezentrum möglich.

4.)    Die Gottesdienste sind vom Versammlungsverbot betroffen und staatlicherseits verboten. Dem müssen wir uns schweren Herzens fügen und unser höchstes Fest Ostern in stiller, geistlicher Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern feiern.

5.)    Trauergottesdienste finden mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen statt. Über anstehende Taufen, Trauungen und die Konfirmationen wird in Absprache mit den Familien noch entschieden. Eine Verschiebung auf die Zeit nach den Sommerferien wird immer wahrscheinlicher.

6.)    Auf Anordnung des Landes Hessen sind die Kindertagesstätten geschlossen. Eine kleine Notbetreuungsgruppe für Kinder, deren beide Eltern oder der alleinerziehende Elternteil, einer bestimmten Berufsgruppen angehören, bleibt in der Kita Lerchengrund geöffnet. Die Kitas Steinweg und Regenbogen sind geschlossen. Die Dauer der Schließung folgt der staatlichen Anordnung.

 

Wir alle müssen erkennen, dass wir selbst in unserem Verhalten der Schlüssel zur Überwindung der Krise sind. Je konsequenter wir jetzt aufeinander verzichten und im Umgang miteinander Abstand halten und Vernunft walten lassen, desto eher können wir auf Entwarnung hoffen. Wir tun das Menschenmögliche, um die Verbreitung der Infektion zu verlangsamen. In diesem Zusammenhang verweise ich auf die Homepage des Krisenstabes der EKHN mit ständig aktualisierten Informationen: www.ekhn.de/corona und die Empfehlungen für Mitarbeitende im Anhang.

 

Alles andere legen wir vertrauensvoll in Gottes Hand und befehlen uns seiner Fürsorge, Güte und Treue an.

   

Mit freundlichen Grüßen

 

Christof Achenbach,

Pfarrer und Vorsitzender des Kirchenvorstandes

Stand: 16.03.2020

Liturgie im Gottesdienst und beim Abendmahl

Gottesdienst

Im Gottesdienst feiert die Gemeinde jeden Sonntag die Auferstehung. In der christlichen Geschichte hat sich eine Ordnung der Feier (Liturgie) herausgebildet. Einzelne Elemente gehen auf biblische Vorlagen oder auf die alte Kirche zurück. Für die Evangelischen wurde sie den theologischen Erkenntnissen der Reformation angepasst und folgt heute dem lutherischen Bekenntnisstand unserer Kirchengemeinde.
Damit wir gemeinsam feiern können, ist es gut und hilfreich, die Liturgie des Predigtgottesdienstes zu kennen. Wir stellen sie deshalb in schriftlicher und akustischer Form zum Download zur Verfügung.

Gottesdienstordnung/Liturgie (PDF-Datei, 19 kB)

Gottesdienstliturgie (MP3-Datei, 2,8 MB)

Abendmahl

Im Abendmahl ist Jesus Christus selbst gegenwärtig und lädt uns ein an seinen Tisch. Brot und Wein geben uns einen Vorgeschmack auf das Reich Gottes. Deshalb dienen der Lobpreis und das Gedächtnis an die Sündenvergebung als liturgische Vorbereitung auf den Empfang der heiligen Gaben.

Heilig, heilig, heilig (MP3-Datei, 2,0 MB)
Evangelisches Gesangbuch Nr. 185.3

Christe, Du Lamm Gottes (MP3-Datei, 1,4 MB)
Evangelisches Gesangbuch Nr. 190.2

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