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Geistliches Wort zur Karwoche 2020 von Pfarrer Karl Michael Engelbrecht

 

Hier können Sie sich das von Pfarrer Karl Michael Engelbrecht gesprochene geistliche Wort zur Karwoche anhören!

 

Auch wenn die Menschheit weltweit von einem bösen Virus bedroht wird und wir deshalb tunlichst voneinander Abstand halten, sind wir dennoch im Geist als Gemeinde Christi durch das Wort der Heiligen Schrift miteinander verbunden. Da wir weder Agape- noch Abendmahl zusammen feiern dürfen, wollen wir lesen, was uns die Evangelien von der Mahlgemeinschaft mit Jesus am Vorabend seiner Gefangennahme berichten. Darüber hinaus sehe ich uns eingeladen, vor der beschriebenen Szene unsere eigene Haltung und Rolle in der aktuellen Situation zu bedenken.

Ich beziehe mich auf die Überlieferung in Markus 14, 32-41.

Im Zusammenhang dieses letzten vorösterlichen Mahls Jesu mit seinen Jüngern heißt es da: „Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten. Da wurden sie traurig und sagten zu ihm, einer nach dem andern: Bin ich's? Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht.“

Einer unter euch ist der Verräter… Ein Name wird nicht genannt. Der Verräter bleibt anonym. Es könnte jeder sein, jeder von den Zwölfen, jeder der dabei ist. Alle fragen „Bin ich´s?“ Keiner ist seiner hundertprozentig gewiss. Und doch tauchen sie ihre Bissen mit ihm in die Schüssel. Sie tun es und er verwehrt es keinem von ihnen. Alle fühlen sich unwohl dabei. Einige reagieren erschrocken und aufgeregt, andere sind wie vor den Kopf gestoßen. Einige verstummen, andere werden laut, alle sind sie betroffen und traurig. Auf einmal steht etwas Unheimliches im Raum. Es ist die Furcht vor einer sich anbahnenden Katastrophe. Und schon wird ein Schuldiger gesucht, schon gibt es das Bedürfnis, sich von der Schuld zu distanzieren. Die Unsicherheit ist groß. „Einer wird mich verraten.“ Wer nur? Bin ich`s? Was kommen wird, ist unumgänglich und alle sind sie schon auf ihre Rollen festgelegt. Keiner kann mehr aussteigen. Offensichtlich auch Judas nicht. Ihm fällt in dem Stück eine wichtige und zugleich schreckliche Rolle zu.

Darf man fragen: Was wäre geschehen, wenn es sich Judas noch anders überlegt hätte, wenn er aus der Rolle gefallen wäre, wenn er von dem Verrat, der da ja immer noch in der Zukunft liegt, Abstand genommen hätte? Wäre dann Jesus nicht am Kreuz gestorben und an Ostern auferstanden, um die Welt zu erlösen? Wäre der göttliche Heilsplan so am Ende gescheitert?

Wenn Gott aber die Welt retten will, dann kann das nicht an einem Menschen scheitern. Judas hat im göttlichen Drehbuch seine Rolle spielen müssen und das mit allen Konsequenzen auch für sich selbst. Matthäus überliefert, dass Judas nach der Verurteilung Jesu in höchster Gewissensnot den Verräter-Lohn, die 30 Silberlinge, in den Tempel geworfen und sich erhängt hat. Er ist in seiner Rolle in dem großen Heilsdrama geblieben und ist daran zerbrochen. Sicher hat er sich in seiner furchtbaren Not so, wie es Jesus angekündigt hat, gewünscht, dass er nie geboren wäre. Das ist die bitterernste Realität des Lebens.

Manchmal ist einer auf seine Rolle festgelegt und sie bleibt an ihm kleben. Ich muss da z.B. an Gert Fröbe denken, der 1958. in „Es geschah am helllichten Tag“ nach einer Drehbuchvorlage von Friedrich Dürrenmatt einen Kindermörder gespielt hat. Der begnadete Schauspieler war dabei so gut in dieser Rolle, dass er nicht mehr vom Image des Bösewichts fortkam und zeitlebens kaum eine freundliche Rolle bekommen hat. Bei Judas wurde verkannt, dass er einer göttlichen Regieanweisung gefolgt ist, in einem Stück, das zeigen soll, wie Menschen sind und was Gott für sie und für uns alle tut. Der Verrat ist eine Wirklichkeit unter Menschen, die sich fortschreibt in der unbarmherzigen Weise, wie sie mit dem Darsteller umgegangen sind, der ihnen das vor Augen geführt hat. So wurde Judas zum Synonymbild für einen treulosen Verrat und ein furchtbares Verbrechen wider die Menschlichkeit Gottes.

Der Blick richtet sich auf Judas. Er ist der Schuldige, denkt man, und ist innerlich dann schnell mit der Geschichte fertig. Dabei haben doch viele in dem Stück genauso wie er einfach mitgespielt. Keiner ist aus seiner Rolle gefallen. Keiner hat den Lauf der Dinge verändert. Keiner hätte es können. Nur einer konnte eingreifen und etwas verändern. Das wollte er zeigen und hat es gezeigt an Ostern, als Christus aus dem Grab gestiegen ist.

Was ist die Lehre für uns in dem Drama am Tisch des Herrn? Ich denke, es ist die Botschaft, dass nicht wir es sind, die am Ende das Leben retten und das Böse besiegen? Wir fürchten uns vor dem Bösen und tun gleichwohl Böses, obwohl doch Christus mit seinem Sterben und Auferstehen zeigt, dass Gott dafür sorgt, dass die lebensfeindliche Macht am Ende verliert. Das Böse lässt sich oft gar nicht ausmachen. Dann hilft es auch nicht nach einem Bösewicht zu suchen und ihn einer Schuld zu überführen. Denn wer könnte sagen, dass er völlig frei wäre vom Bösen, frei von Selbstsucht und Desinteresse am Ergehen anderer, frei von Neid und Versuchungen, frei von Überheblichkeit und Machtphantasien, frei von Verhaltensweisen, die das Miteinander oft unerträglich machen. Das Böse bleibt vor allem da mächtig, wo Schuld verdrängt wird. Sie bleibt da mächtig, wo ich mit einem Finger auf den anderen zeige, während drei Finger auf mich zeigen. Dabei gilt es immer wieder zu prüfen, wessen Drehbuch ich folge und gegebenenfalls auszusteigen. Bei Gottes Drehbuch jedenfalls wartet ein Happyend.

Einer, der sich mit den Rollen und Charakteren an der Tafel Jesu intensiv beschäftigt und seine Sichten veranschaulicht hat, ist Leonardo da Vinci mit seinem berühmten Bild „Das Abendmahl“. Der Renaissancekünstler hat diese gewaltige Darstellung in den Jahren 1494 bis 1497 an eine Wand des Mailänder Dominikanerkloster Santa Maria delle Grazie gemalt. Das Bild ist rund 9 m breit und über 4 m hoch, aber leider nicht mehr in einem guten Zustand. Viele Details sind nicht mehr erkennbar und die ursprüngliche Wirkkraft der Darstellung ist trotz aller Restaurierungen verloren gegangen. Wenn man einen Eindruck gewinnen möchte, wie das Bild ursprünglich ausgesehen hat, dann muss man auf alte Kopien zurückgreifen. Eine qualitativ gute und wohl auch sehr genaue Kopie findet sich in der Royal Academy of Arts in London. Sie wurde um 1520 von dem italienischen Maler und da Vinci Anhänger Giampietrinos geschaffen.

Das Bild ist symmetrisch aufgebaut. Die Raumgestaltung mit Fenstern und ornamental gestaltetenTapisserien an den Wänden links und rechts führen den Blick ins Zentrum, hin zu dem in der Mitte sitzenden Christus. Auf ihn laufen die ganzen Fluchtlinien im Raum zu. Zwei Fenster und eine Tür an der abschließenden Wand geben den Blick auf eine grüne Landschaft mit blauem Himmel frei. Christus und die Jünger sitzen davor an einer langen Tafel. Keiner der Dargestellten hat einen Heiligenschein. Jesus aber wird gleichsam umrahmt von der Licht durchfluteten Türöffnung hinter ihm. Zu seiner Linken und seiner Rechten sitzen jeweils sechs Jünger, in je zwei Dreiergruppen organisiert. In der ersten von links nach rechts sitzen Bartholomäus, Jakobus und Andreas. Es folgen in der zweiten Gruppe Simon Petrus, Judas und Johannes. Dann kommt Christus in der Mitte. Er sitzt mit geöffneten Handflächen und blickt vor sich auf den weißgedeckten Tisch. Kopf und Arme ergeben ein Dreieck. In der nächsten Gruppe kommen Thomas, Jakobus, und Philippus und schließlich in der letzten ganz rechts Matthäus, Thaddäus und Simon der Zelot. Jeder in dem Drama an der Tafel spielt eine ganz individuelle Rolle, die sich ausdrückt in bedeutungsvollen Gesten und Bewegungen. Von dem Maler des Originals, Leonardo da Vinci, sind Notizen erhalten, in denen er die Jünger beschreibt: Da ist „einer, der gerade trinken wollte, aber den Becher auf seinem Platz stehen ließ und den Kopf dem Erzählenden zuwandte. Ein andrer, die Finger seiner Hände verschränkend und die Stirn runzelnd, wendet sich seinem Nachbarn zu. Ein andrer, mit offenen Händen, zeigt die Handflächen, hebt die Schultern gegen die Ohren und öffnet den Mund vor Erstaunen. Ein andrer sagt seinem Nächsten etwas ins Ohr, und dieser, der lauscht, dreht sich ihm zu und schenkt ihm Gehör, in einer Hand ein Messer, in der andern das mit diesem Messer durchgeschnittene Brot. Ein andrer, mit einem Messer in der Hand, wirft beim Umdrehen mit dieser Hand einen Becher auf dem Tisch um. Ein andrer legt die Hände auf den Tisch und starrt vor sich hin. Ein andrer bläst auf seinen Bissen. Ein andrer beugt sich vor, um den Erzählenden zu sehen, und beschattet dabei mit der Hand seine Augen. Ein andrer tritt hinter den zurück, der sich vorbeugt, und schaut zwischen der Wand und dem Vorgebeugten auf den Erzählenden.“

Mir geht es jetzt vor allem um die 2. Gruppe am Tisch: Simon Petrus, Judas und Johannes.(Den Bildausschnitt sehen Sie weiter oben neben dem Text)

Von Leonardo da Vinci wissen wir, dass er die Modelle für sein Bild unter den Menschen aus der Umgebung des Klosters ausgewählt hat. Schwierig war es eine Person für den Kopf des Judas zu finden. Für den wollte keiner gerne posieren. Es heißt, dass Leonardo endlich im Armenvierteln von Mailand einen gefunden habe, der gegen ein kleines Salär dazu bereit war.

Die Skizze zu Da Vincis Kopf des Judas sehen Sie weiter oben neben dem Text.

Judas sitzt, wie die übrigen Jünger an der gleichen Tischseite und in einer Reihe mit Jesus. Es fällt auf, dass sein Gesicht dunkler wirkt, als die Gesichter der anderen. Ein Schatten liegt darauf. Auch seine Haltung ist eigen. Während die Worte Jesu bei den anderen Jüngern ganz offensichtlich Bestürzung hervorrufen und sie anfangen miteinander zu diskutieren, verharrt Judas starr, lehnt sich zurück, sucht Distanz. Der anstehende Verrat lässt ihn von den anderen abrücken. Sein Blick ist starr. Verfolgt man die Blickrichtung, so geht sie über Jesus hinweg. In der Dreiergruppe ist Judas so platziert, dass er zwischen Petrus mit seinem aufbrausenden Temperament und dem sehr sanft wirkenden Johannes sitzt. Alle haben sie Charakter-Gesichter. Das Gesicht des Judas scheint mir eher nachdenklich. Innerlich kämpft er mit seiner Rolle. Wird er sie durchhalten? Mit der einen Hand umklammert er den Geldbeutel und wirft dabei das Salz auf dem Tisch um - ein unheilvolles Zeichen -, während er mit der anderen Hand nach dem Brot des Lebens greift.

Petrus gibt eine ganz andere Figur ab. Er beugt sich hin zu Johannes, dem Lieblingsjünger Jesu. Er wirkt begierig erfahren zu wollen, wer der Verräter sein wird. Das Temperament des Petrus zeigt sich auch an seinen Händen. Die rechte ist hinter dem Rücken zur Faust geballt, die linke unterstreicht seinen bohrenden Blick. Der waagrecht ausgestreckte spitze Zeigefinger wirkt wie ein drohender Dolch, der am Hals des sanft und vergeistigt wirkenden Johannes vorbei auf Christus zeigt. Petrus tritt als einer auf, der aktiv ist, der etwas tut. Er würde gerne der Retter sein. Der aber sitzt unnahbar in der Mitte. Johannes dagegen wirkt so gar nicht aufgeregt. Er ist frei von allem Aktivismus. Er hält sich zurück und hört ganz einfach zu, hört vielleicht auch in sich selbst. Er nimmt eine abwartende Haltung ein und hat seine Hände gefaltet. Mir ist es, als würde er in der Situation das einzig richtige tun: ruhig bleiben, abwarten, beten und sein Vertrauen auf den setzen, der von Gott ist und der alleine der Lage Herr sein und bleiben kann. Die besondere Beziehung, die ihn mit Jesus verbindet, zeigt und bewährt sich in der Krise.

In den Jünger-Gestalten dürfen wir uns selbst entdecken. Wenn ich diese drei am Tisch des Herrn betrachte, dann denke ich, dass alle eine für das vorösterliche Drama wichtige Rolle spielen. Dabei ist die Rolle des Judas wohl die problematischste und auch die anspruchsvollste. Er muss tun, wofür man ihn durch alle Zeiten verurteilen wird. Er spielt mit, aber darin ist schon vorgezeichnet dass er an dieser Rolle zerbrechen muss - ein für Menschen unlösbares Dilemma. Die Rolle des Petrus dagegen scheint kraftvoll, entschlossen und engagiert. Er ist der Macher, welcher auch Beachtung erntet. Aber retten kann er damit keinen. Nicht den, um den es hier geht und auch nicht sich selbst. Er wird seiner Absicht nicht gerecht, denn Retten kann nur der Eine in der Mitte. Das hat Petrus nicht erkannt.

Nicht nur für das Drama am Tisch erscheint mir die Haltung des Johannes als der Situation am angemessensten. Ich denke das gilt durchaus auch für unsere Situation heute, die wir in der Corona-Viren-Krise erleben. Aktivismus und Schuldzuweisungen helfen auch da nicht weiter, vor allem retten tun sie keinen. Wie der Johannes möchte auch ich jetzt lieber ruhig bleiben, aushalten, abwarten, beten und mein Vertrauen auf Gott setzen, der uns erhalten wird, so oder so.

Amen.

 

Wer sich eingehender mit dem Werk Leonardo da Vincis beschäftigen will, der findet viele Informationen und auch weiterführende Links unter:

https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Abendmahl_(Leonardo_da_Vinci)

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